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Unsere Kinder


#Unsere Kinder sind uns in vielfältiger Weise Quellen.

Am stärksten jedoch sprudelt die Quelle, die unser persönliches Wachstum nährt.



Liebe Mama Karin, liebe Mama Susanne,

wir hoffen, das Leben mit uns ist schön für Euch. Wir brauchen v.a. glückliche, zufriedene und fröhliche Mamas, die das Zusammen Sein mit uns genießen. Dafür geben wir wirklich unser Bestes. Manchmal ist eure Aufgabe als Eltern aber auch anstrengend. Das ist so, weil wir Kinder von euch Dinge fordern, die niemand anders von euch fordern könnte und wie es niemand anders tun könnte und würde.

„Ich will auf Deinen Schoß“.
„Gib mir sofort die Bastelkiste – sonst bist Du nicht mehr meine Mama“.

Wir sehen euch so nahe, wie kein anderer Mensch. Und: wir zwingen euch ständig, in den Spiegel zu schauen, den wir euch vorhalten.

„Ja, Mama, dieser unbeherrschte Wutausbruch – das bist auch Du – das gehört auch zu Dir. Passt nicht zu Deinem Selbstbild, ich weiß, aber …“.

Dadurch geben wir euch immer wieder die Chance, euch neu zu sehen. Aus jeder Situation, die ihr mit uns erlebt, könnt ihr lernen. In diesem Bewusstsein könnt ihr dann Entscheidungen treffen, die gleichzeitig unserem inneren Wachstum zu Gute kommen und gleichzeitig eurer Weiterentwicklung. Wir lernen und wachsen gemeinsam. Es ist also doppelt wichtig, dass ihr euren Job ausreichend gut macht (um Himmels Willen nicht perfekt – das wäre furchtbar für uns Kinder – wir plädieren im eigenen Interesse nachdrücklich für Fehlerfreundlichkeit und für das Recht, Irrwege zu gehen!). Es geht also nicht um Perfektion, sondern um Engagement. Engagiert euch, euch in den folgenden Künsten zu üben:


1. Die innere Kunst der Achtsamkeit

Achtsamkeit ist ein Gewahrsein, das jeden einzelnen Augenblick erfasst, ohne darüber zu urteilen.

„Du, 17 Monate junges Mäuschen, hast gerade mein Iphone ins Klo geschmissen. Es schwimmt.“

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Wenn ihr von uns Kindern lernen möchtet, ist es notwendig, dass ihr im Umgang mit uns innerlich still werdet. V.a. wenn wir etwas tun, das euch nicht gefällt oder was ihr nicht versteht: Stimmt euch ein, auf die Ordnung und Stille, die jede Aktivität enthält, so chaotisch sie euch erscheinen mag.

„Eine Kloschüssel ist ein Gefäß. Ein Handy ist ein Ding. Gefäße sind dazu da, dass man Dinge in sie hinein tut. Und dann: Stille.“

 

2. Die Kunst, anzunehmen, was ist


Oft sind wir Kinder freundlich, fröhlich und zufrieden. Aber am nächsten Tag oder schon im nächsten Augenblick sind wir vielleicht völlig enttäuscht, verzweifelt, wütend oder frustriert.

„Ich wollte einen Feuerdrachen bauen, aber es hat nicht geklappt. Irgendwo muss ich hin mit dieser großen Wut und Enttäuschung in mir. Ich werfe das angefangene Bauwerk gegen die Wand, aber das reicht noch nicht. Ich nehme einen Baustein und haue ihn meiner kleinen Schwester auf den Kopf.“

So schwer es euch auch fallen mag: Versucht anzunehmen, was geschieht.

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(„Schimpfen hilft mir jetzt nicht und macht, dass ich mich völlig unverstanden fühle“).

 

3. Die Kunst, sich einzufühlen

Liebe Mamas: Wenn unser Verhalten für euch anstrengend ist, nervig oder vielleicht auch irritierend – versucht, die Dinge aus unserer Perspektive zu sehen. Sprecht aus, was ihr bei dem Versuch, unsere Welt zu erkunden, wahrnehmt – wie es uns vermutlich geht, was wir fühlen und brauchen. Dann fühlen wir uns verstanden.

„Du wolltest einen Feuerdrachen bauen. Aber es hat nicht geklappt. Du warst enttäuscht und wütend. Was wäre denn jetzt gut?“

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(Das können auch schon kleine Kinder meist gut sagen. Unser Sohn sagt dann z.B. oft „Ein Milchfläschchen wäre jetzt gut“)

 

4. Die Kunst, im Schwierigen das Geschenk wahrzunehmen

Unsere Geschenke sind vielfältiger Natur:

Jeder schwierige Moment, den wir euch „schenken“, enthält die Möglichkeit, eure Augen und euer Herz zu öffnen. Ich bin quengelig und durch nichts zufriedenzustellen. Du merkst, wie Du zunehmend gereizter und ungeduldig wirst. Öffne Deine Augen und Dein Herz. Vielleicht kann ich gerade meine Gefühle und Bedürfnisse nicht ausdrücken. Das ist frustrierend. Vielleicht bräuchte ich jetzt endlich mal wieder Deine ungeteilte Aufmerksamkeit. Zuerst die Nachbarin an der Tür, dann die kleine Schwester, jetzt das blöde Telefon … . Vielleicht geht es mir nicht gut – eine beginnende Erkältung, Bauchschmerzen, Übelkeit … - und ich kann mein körperliches Unwohlsein noch nicht besser ausdrücken. Vielleicht bin ich hungrig oder durstig. Im Eifer des Spiels hab ich beides vergessen und jetzt kommt es plötzlich und ganz groß. Vielleicht … .

Schwierige Situationen enthalten für euch die Chance, eure automatisierten Reaktionen kennenzulernen. Reaktionen, die oft destruktiv sind, in alten Mustern wurzeln und dem Wohl von uns Kindern zuwiderlaufen.

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Wir sind auf eine Familienfeier in ein Restaurant eingeladen. Unser 4jähriger Sohn verhält sich mustergültig. Er sitzt zunächst brav auf seinem Stuhl und isst sehr ordentlich. Dann geht er zu anderen Kindern spielen – sie bauen an einem Tisch mit Legosteinen. Irgendwann kommt er wieder zu uns an den Esstisch, krabbelt unter diesen und wirft unvermittelt eine Gabel nach oben. Diese landet auf dem Tisch vor seiner Tante. Die Tante springt wütend auf, zerrt unseren Sohn unter dem Tisch hervor, schüttelt ihn und sagt „Das machst Du nicht mit mir“. Unser Sohn erschrickt, beginnt zu weinen und sucht Schutz bei mir. Ich nehme ihn auf den Schoß, ergreife aber verbal Partei für seine Tante und sage zu ihm so was wie „Das darfst du auch nicht machen“. Damit rechtfertige ich ihr Verhalten. Hinterher wurde mir klar, wie wichtig es für mich ist, mich den Maßstäben anderer entsprechend „nett“ und „anständig“ zu verhalten und nicht wie ein wirklicher Mensch – zu dem auch Gefühlsreaktionen und Verhaltensweisen gehören, die für andere eben mal nicht „nett“ sind. Unser Sohn hat vermutlich in dem wenig Kind gerechten Restaurantkontext einfach ein Ventil für seine Energie, seine Vitalität und Kraft gebraucht. Da kam ihm die Gabel gerade recht. Mir wurde auch klar, wie oft ich ihn in solchen Situationen schon regelrecht „verraten“ habe, indem ich mich auf die Seite der anderen gestellt habe.

Unser schwieriges Verhalten wurzelt oft in alten Verletzungen, in Wunden, die noch nicht geheilt sind. Dass wir uns euch damit zumuten, ist ein Geschenk, ein Beweis unseres Vertrauens. Jetzt können wir mit euch neue Erfahrungen machen. Das wird für uns und auch für euch heilsam sein.


5. Die Kunst, loszulassen

Die buddhistische Lehre mit ihren vielen Weisheiten besagt ja, dass das Anhaften viel Leid verursacht. Wir Kinder geben euch unzählige Gelegenheiten, euch im Loslassen zu üben.

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„Das ist Deine Lieblingstasse, die da eben zu Bruch gegangen ist? Lass Sie einfach los!“ „Dein Bild von Dir als immer weise, gütige und liebevolle Mutter? Lass es los!“ „All die aufregenden und spannenden Dinge, die du tun könntest, wenn wir nicht Deine permanente Aufmerksamkeit fordern würden? Lass sie los!“

 

 

6. Die Kunst, anderen Souveränität zuzugestehen

Wenn ihr Eltern uns Kindern Souveränität bzw. Entscheidungsfreiheit zugesteht, ermöglicht ihr uns zum einen, uns so zu zeigen, wie wir wirklich sind, und zum anderen, unseren eigenen Weg zu finden.

Ich freue mich nicht darüber, eine kleine Schwester zu haben und zeige das. Darf das sein? Bist du, Mama in der Lage, mich so zu lieben, wie ich bin, ohne dass ich mich verändern muss, um dir zu gefallen? Darf ich mich anziehen, wie ich will, auch wenn du findest, dass die Kleidungsstücke nicht zusammenpassen?

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Darf ich mich für Ritter interessieren, auch wenn du, Mama, damit nichts anfangen kannst?

 

7. Die Kunst, die Führung zu übernehmen

Wie Jesper Juul so treffend sagt, kommen wir Kinder mit viel Weisheit, aber mit wenig Wissen auf die Welt. Viele Situationen kennen wir nicht. Wir wissen nicht, wie wir uns in ihnen verhalten sollen.

Wir gehen einkaufen. Ich bin jetzt 18 Monate alt. Ich weiß nicht, dass ich hier nicht wie zu Hause (fast) alles nehmen und untersuchen darf. Sag es mir. Halte mich davon ab, wenn ich es selbst – verständlicherweise - nicht schaffe, meinen Erkundungsdrang zu stoppen.

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Manche Situationen können wir noch nicht überblicken.

Es ist Sommer. Ich bin 2 Jahre alt und möchte unbedingt barfuß laufen. Du siehst, dass hier viele Glasscherben liegen. Entscheide, dass ich meine Schuhe anziehen muss.

Manchmal werde ich von einem Gefühl oder von einem Körperzustand überflutet. Dann ordne meine Gefühle. Hilf mir, mich zu beruhigen.

Ich bin 4, komme aus dem Kindergarten nach Hause und tobe durch die Wohnung. Ich werfe meine Legos ziellos durch die Gegend. Ich komme an meiner kleinen Schwester vorbei und ziehe sie an den Haaren. Erkenne, dass ich voller Spannung und übererregt bin. Entscheide, dass ich mich aufs Sofa setzen muss und gerne ein Buch schauen darf. Schön, wenn Du Zeit hast, Dich zu mir zu setzen.

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